Mumbai

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Träume

Wir sind in Bollywood und genau wie in Hollywood werden auch hier Träume produziert, für die viele bereit sind, ihr Leben zu geben. Das klingt kitschig, ist aber im Grunde logisch. Für was sonst lohnt es sich wirklich zu leben? Am ersten Tag, als wir, also meine Kamerafrau Paola und ich, mit der Kamera durch Mumbai gehen, spricht uns Ramesh an und fragt, was wir da filmen, er könne mitmachen, er sei zu allem fähig und bereit, da an allem, was mit Film zu tun habe interessiert.Ramesh ist 42 ,ehemals Offizier bei der indischen Airforce. Er hat seinen guten, traditionellen, sicheren Job verlassen, mit 32, weil er Schauspieler werden wollte, jetzt sagt er, sei er zu alt dafür, jetzt will er Regisseur sein, ich frag ihn für was, er sagt, am liebsten gute Zeichentrickfilme. Ramesh ist ein intelligenter gestandener Mann aus der Kaste der Brahmanen mit glasigen Augen. Er ist seit 10 Jahren in der Stadt, er rennt seit 10 Jahren seinem Traum hinterher, oder vielleicht wird er auch nur noch von ihm verfolgt und in die Nacht hinaus gejagt, sich zu betrinken, damit er wenigstens Nachts seine Ruhe hat von dem Traum. Er hat in den letzten 10 Jahren in keinem einzigen Film gespielt, geschweige denn auch nur ein eigenes Video gedreht. Er sagt mir, er wird seinen Traum erreichen egal wie, und er sei bereit, dafür zu sterben. Man könnte sagen, er hat zu viele Western gesehen oder aber er ist ein sehr braves Kind einer Zeit, in der du bereit sein musst alles, und sei es dein Leben, für deine Träume zu geben. Ich bin sicher, Ramesh ist ein Mensch, der bereit ist zu kämpfen, er hat es schliesslich gelernt, er muss ein sehr guter Soldat gewesen sein, auch wenn er es gar nicht sein wollte. Er wär in einem wirklichen Kampf nicht unterlegen. Aber er weiss gar nicht wie kämpfen und mit wem oder gegen wen. Und wahrscheinlich hatte er von Anfang an gar keine Chance- ein unausgebildeter Schauspieler der mit 32 ohne eine Rupie nach Bombay kommt- auch wenn die Stadt gesagt hat im Chor mit der Aufbruchsstimmung des neueingezogenen Kapitalismus: jeder hat bei uns eine Chance, du musst nur gut genug sein und bereit sein dein Leben zu geben. “When I came to Mumbai, I realized that I was from now on just another face in the crowd”, sagt Ramesh. “ A part of a rat-race where everybody is running and nobody has a clue where we are heading. “ Rattenrennen das sein Ziel nicht kennt. Immer wieder höre ich den Vergleich. Ich höre ihn in so unterschiedlichen Städten wie Mumbai und Moskau. Wie in Shanghai oder Sao Paulo. Sein Leben hat Ramesh jedenfalls gegeben. Jetzt kann er vor allem eins nicht: zurück. Einer der aufgebrochen ist muss erfolgreich zurückkehren oder besser gar nicht. Ich frage mich, wie viele Abenteurer früher,als die Welt noch unentdeckt war, absichtlich verschollen sind. Sie haben nicht gefunden was sie suchten. Es gibt kein Auffangbecken für Gestrandete. Für aus dem Boot geworfene. Für Bootverpasser. Es gibt nur Auffanglager. Zwischenstationen. In einer Zwischenstation wird die Hoffnung noch aufrecht erhalten, aber es bleibt schleierhaft,ob sie sich jemals erfüllt. In Bombay wohnen wir in so einer Zwischenstation. Es ist eine sogenannte Society, ein auf trockengelegten Sümpfen erbauter Wohnblock am Rand von Malad, einem Viertel im Norden Mumbais. Hier wohnen junge Leute, sagt mir jemand. Wir treffen die jungen Leute abends bei einer Familie, die jeden Tag kochen, für fast nichts und alle die keine Familie haben. Keine Familie zu haben ist ein Unglück in Bombay; je länger ich da bin, desto mehr begreife ich, warum. Familie ist kein weicher Wert, sondern hartes Überleben. Schutz. Ein Ring um einen, zum Beispiel wenn gestolpert im Rattenrennen. Beim Essen reden die jungen Leute, schönes Englisch reden sie, alle waren sie oder behaupten es, auf englischen Schulen, Status, immer Status, keine Sekunde lässt der einen unbewacht, sie sind getrennt von ihren Familien, getrennt durch ihren Traum Bollywood, abends Essen bei der Ersatzfamilie, hängen tags auf den Strassen rum und frühmorgens im Fitnessstudio. Lungern herum und halten sich fit. Warten. Junge Schauspielerinnen und Schauspieler, mehr oder weniger ausgebildet, wenn mehr dann sehr stolz und in Delhi, State School of Drama. Wir treffen Duzender solcher Menschen, sie kennen sich, sie wollen sich unbedingt von den unausgebildeten unterscheiden, trotzdem sind die meisten auf Zwischenstation und warten. Wir essen mit einem den ich, ich verstehe seinen Namen nicht sofort, in meinem Mobiltelefon als John-India eintrage. Die langen Haare streng nach hinten gekämmt, eine James-Dean-Jeans an, fährt Motorrad. Möchte Model sein und Schauspieler. Ich frage John-India was er den ganzen Tag macht. Es macht mich aggressiv, dass er so lungert. Er trifft Menschen, sagt er. Was für Menschen. Ich bohre. Regisseure. Modedesigner. In einem Café, in Andheri oder Bandra, Hochburgen der Filmindustrie, wo der geschäumte italienische Cappuccino soviel kostet wie eine Woche Essen bei der Ersatzfamilie. John-India sagt, er sei wütend. Schon wieder ein eindeutiges Angebot von einem Modedesigner. Hat der sich überhaupt noch die Mühe gemacht, ihm zusätzlich einen Job anzubieten? John India lächelt. Er ist sehr angespannt. Er möchte mir gefallen. Vielleiht hol ich ihn ja hier raus. Zu mindestens heute Abend, wenn er sich mit Menschen unterhält die mit einer schmutzigen Kamera durch ihr Land rennen, den Schleimspuren der Träume folgend. Wir werden bekannt hier. Wir treffen Shyam. Shyam ist staatlich ausgebildet und sagt, er werde einmal ein grosser Star werden. Weil ihm seine Haare ausgehen erscheint er eines Tage bei der Ersatzfamilie mit Toupet. Er erinnert mich an eine alte Tante, niemand traut sich etwas zu sagen. Diese Menschen zu treffen ist traurig, sie haben keine Routine mit der Illusion und laufen ihr ins Messer. Ich frag mich, ob es besser ist, gar nicht erst zu denken, man hätte die Chance auf ein anderes Leben. Diese Blasenträume sind schwer erträglich. Man verlässt sein Dorf, zieht in die Stadt um wer zu werden, aufzusteigen und bleibt niemand, wird immer weniger oder platzt. Weil man als Nichts zuhause nicht willkommen ist, hängt man irgendwann an einer Flasche oder Nadel für ein Traumland das wenigstens erreichbar ist. All das ist natürlich ist kein neues Phänomen, sondern seit jeher fester Bestandteil der Sirene Stadt, egal wo. Ihr Gesang erreicht nur mehr, viel mehr Menschen seit Indiens traditionelle Strukturen brüchig werden.

Hier in Indien stellt sich mir die simple Frage: womit kann man es heute schaffen?

Wir gehen in die Slums. Wir müssen nicht weit gehen, überall sind Slums. What is the dream of your life, frage ich einen Mann der in einem der offenen Rasierlädchen einen anderen sorgfältig einschäumt, dann Rasierwasser, Eis, nochmal Schaum. Drink? Water? No, dream. Hairdream? No, dream. Facedream? Life-dream. Jemand kommt und übersetzt. Madam, he has a money-problem, sagt der Übersetzer. Madam, money only bestätigt der Rasierer. Natürlich. Ich bin versucht ihm Geld anzubieten. Aber das wäre noch blöder als meine Frage. Es regnet. Meine Schuhe versinken im Schlamm. Jemand lacht. She wears leather-shoes! Ich wate an zwei Jugendlichen vorbei. Meine Frage ist blöd aber aufschlussreich. Der eine sagt, er möchte Wäscher werden, der andere will Lederwaren herstellen, wie die Väter. Ausgerechnet hier in diesen provisorischen Hütten zwei bodenständige Traditionalisten. Boden? Schlamm. Es gibt Pläne, den Slum, der mitten in der Stadt Baugrund okkupiert mit hässlichen Wellblechhütten und Kacke davor, abzureissen und stattdessen die Häuser hochzuziehen. Vertikale Slums. Soziologen sagen, dass diese Leute dann keine Chance mehr haben, ihre kleinen Industrien zu halten. Diese Verkaufs- und Wohnstätten in einem – und das für ein halbe Dynastie- sind in der Horizontalen zu bewerkstelligen und nicht im 8. Stock, wo sich kein Käufer hin verirrt. Überhaupt wird die Industrie trocken gelegt wie die Sümpfe auf denen sie gebaut wurden, man braucht sie nicht mehr. Die Handwerker können sich, wenn sie Glück haben, in eine Uniform retten und der Sicherheit dienen. Das ist ein florierender Dienst, in jeder der neuen Shopping-malls gibt fast so viele Securities wie Käufer. Der Sicherheitscheck erinnert an Heathrow. Die Mall ist eine fragile Zukunftsprinzessin, gedrückt von der Erbse Armut, sie muss geschützt werden. Von aussen ganz Glas, innen kühl und rosa. Barbie, wie ein Grosser Bruder, strahlt von riesigen Plakaten. Nach jedem Einkauf in jedem der Geschäfte, wird jeder der Einkaufszettel kontrolliert. Käufer und Security wirken wie Puppen. In eine Verkleidung gepackt, die uns ähnlich sieht, uns die es allesamt geschafft haben. Immerhin geben sich diese Länder, allen voran China, nicht mehr zufrieden, mit dem Imitationszirkus. Sie machen uns nach, um uns zu übertrumpfen. Das gibt den Security-puppen eine gewisse, wenn auch traurige Würde. Glasmalls sind ein Teil von “New Bombay” und von “Vision Mumbai Project”. Diese Vision ist also sehr hoch und transparent. Es gibt keinen Inhalt den sie verstecken muss, weil es keinen Inhalt gibt.