Shanghai

Shanghai. Finding Stories. 
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Ankunft
Als wir ankommen, am Flughafen, will ich umkehren. Sofort. Das Gefühl verstärkt sich, während wir in die Stadt fahren, gut organisiert mit Bussen. Ein grauer Himmel empfängt uns. Stählern, unzugänglich, durchorganisiert und wohlbekannt wie schon der Flughafen. Was sollen wir hier? Ich sehne mich nach dem Anderen, dem Fremden. Das ist es nicht. So weit geflogen, um nicht weg zu sein.
Wir, also meine Kamerafrau Paola und ich, beziehen eine Wohnung im französischen Viertel. Sie ist luxuriös, wir haben jede ein Zimmer. Wir fahren Metro, laufen im Quartier. In der Metro kichern junge Paare und zwicken sich. An den Häuserwänden hängen riesige Screens mit Shampoo Werbefilmen. Die Menschen rennen mit Einkaufstüten an uns vorbei. Da mich, begleitend zu meiner viel poetischeren Arbeit als the visitor die Zukunftsvisionen der Stadtplaner interessieren, suchen wir irgendeinen Architekturprofessor von dem wir gehört haben, schlagen uns halbherzig zur Universität, in der er angeblich unterrichtet.
Ich zwinge mich zu einem Anfang, obwohl ich schon am Ende bin mit der Stadt. Die Universität, umringt von einem künstlich angelegten Park inmitten staubiger Strassen hat zu, wir müssen den Professor nicht treffen. Wir nehmen Busse, wieder die Metro, wieder diese Paare, die sich kratzen und zwicken und kichern, alles gekünstelt, unerträglich, auch unser Viertel, das angeblich zu den Schönsten von Shanghai gehört, weil hier lauter Häuser mit französischem Einfluss stehen. Wir reden kaum, essen eine Schale Reis von einer Frau mit einem Karren in den nächtlichen Lichtern der Reklame.
Morgens nehmen wir die Metro und fahren soweit wie möglich raus. Ich möchte ein Gefühl bekommen für die Dimension der Stadt, für ihre Landschaft. Ich habe eine schreiende Sehnsucht nach anderen Orten als Shoppingmalls und funktionale Metros. Wir nehmen die längste U-Bahn Strecke die wir finden können und fahren bis an ihr Ende. Vorbei an Gebäuden, Häusergruppierungen, die sich jeweils zwischen zwei Haltestrecken exakt gleichen. Eine Station lang bleichrosa geschwungene Hochhäuser, Typ billige Mittelklasse, nächste Station beige Landhäuser mit Garten und Tümpel, gehobene Mittelklasse, dann Kolonnen weisser Hochhauskästen mit winzigen Fenstern, Massenware. Klasse aus der Konserve. Am Ende der Station steigen wir aus in einer unfertigen Betonstadt, ich freue mich über kleine Läden und Menschen ohne Einkaufstüten. Wir laufen herum, trinken irgendwo in einem schmutzigen Raum mit Plastikstühlen einen unglaublich bitteren Tee, nervös bewacht von einem Jungen, der vielleicht einfach nur zufällig vorbeikam, um uns aus einer Laune heraus Tee zu kochen, wir sind die einzigen Kunden. Wir gehen weiter auf eine Art Acker, hier wohnen Menschen in kleinen provisorischen Hütten, alles ist Anfang hier. Übergang. Wir fangen an zu drehen, ich laufe herum und nähere mit vorsichtig einigen Menschen. Es kommt zu keiner wirklichen Begegnung, die Menschen machen sich ein wenig über mich lustig, das ist alles.

Gestapelte Menschen
Wir laufen durch Gassen, Strassen, Höfe, wir gehen in Häuser. Wir durchkreuzen Viertel, wir lungern vor Eingängen. Wir gehen, im Rauschen der Autos, an endlosen Straßen, unter Brückenbauten, in die Luft gehängt wie urzeitliches Spinnengetier. Vorbei an Baustellen und zwischen den nächtlichen Leuchtfarben des neuen Shanghais, in die letzten Ruinen des alten Shanghais: kleine modernde Häusergruppen mit engen Strässchen aus Lehm, wie gestauchte Dorfkulissen zwischen die Hochhäusern gepresst. Es gibt keine Müllhaldenbewohner wie in Mumbai, die chinesische Regierung duldet keine Slums; Geldlose in Shanghai bewohnen nicht die Abfälle anderer Menschen sondern die Ruinen ihrer eigenen abgerissenen Bauten.
Es ist ein Bild. Wir gehen Treppen hinauf. Eine Dunkelheit. Ein enger Flur. Geruch. Fremdes Haus. Eindringlinge. Am Himmel des Hauses, ganz oben eine Frau, wäscht ihren rattigen Hund mit ihren Höschen auf dem Flur. Sie schreit, uns sehend, entzückt und entsetzt. Der Hund bellt, kratzt, will uns nicht dahaben, verkörpert den Unwillen seiner Herrin, wir lächeln Verzeihung und verschwinden. Auf dem Gang nach unten sehen wir durch einen Türspalt. Da sind Menschen gestapelt im winzigen Raum. 12 halbnackte Männer mit schwitzenden Bäuchen in verrottenden Unterhosen, auf halb zusammengebrochene Betten voller Essenreste, Koffer, Kleider, Fäkalien. Wir waren in Indien, ich bin nicht geschockt von Armut, ich mag es auch nicht, wenn es andere sind. Immer denk ich an englische Gouvernanten, wenn jemand über gesehene Armut spricht wie über eine schmutzige Sensation. Armut hat nichts Sensationelles, sie ist weltalltäglich. Aber hier bin ich schockiert. Es ist nicht die Armut, es ist die unfassbare, aber genauso alltägliche Verwahrlosung. Der Zusammenbruch jedes Bemühens. Um einen Anschein, ein Sein. Es ist viel schlimmer als ein Hausen. Und es ist die gesäuberte Stadt, die einen nicht richtig vorbereitet auf so eine Sicht. Shanghai, durch das wir gerade etwas verzweifelt krochen, klein, winzeklein unter den himmelpenetrierenden Häusern, die ihre Menschen nicht mehr herzugeben scheinen, die sie umschliessen und auf ewig verschliessen, sie infizieren mit ihrer Unzugänglichkeit. Und dann finden wir glücklich eine Insel alter, morscher Häuser, viel zu müde für irgendeine Verteidigung ihrer Bewohner. Und dann laufen wir in eins dieser Häuser und ich fliehe vor der Obszönität des Gesehenen. Ich setze mich draussen auf einen Stein. Brauche eine Pause.